Evangelische Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf > Wir über uns > Geschichte > Vorgeschichte – Die Arbeit der Gemeinde und deren soziale Formierung

G. Die Arbeit der Gemeinde und deren soziale Formierung

Die ausgiebige Darstellung, die Pfarrer Lohmann in seiner Festschrift von 1924 über die innere Entwicklung seiner Gemeinde geboten hat, bedarf hier keiner erneuten Berichtsfolge. Seinen Ausführungen liegen die Jahresberichte zugrunde, die er alljährlich seit Neujahr 1901 von der Kanzel verlesen, seit 1906 im Druck hat erscheinen lassen, und die dienstlichen, vom Superintendenten angeforderten Berichte, die einem speziellen Fragenkatalog folgten, der allgemein-kirchliche und administrative Aspekte favorisierte. Die gesonderten Berichte an den Superintendenten beendete er im Jahre 1908. Ab 1909 schickte Lohmann ihm seine gedruckten Kanzelberichte mit dem handschriftlichen Nachtrag, daß weiteres nicht zu berichten sei.

Im Vordergrund seiner Berichte standen die vielfältigen ehrenamtlichen Aktivitäten seiner Gemeinde. Voller Stolz berichtete er vom Kirchenchor, der am 14. Dezember 1902, zum Weihedatum der Pfaffendorfer Kirche, gegründet worden ist und unter Höhen und Tiefen bis in den Ersten Weltkrieg hinein gesungen hat, bis ihm die Männerstimmen ausgegangen sind.

Dem Frauenverein und seinem sozialen Engagement für Kranke, Arme und Vereinsamte gilt seine stetige Teilnahme, obwohl die Schwestern des zur Kaiserswerther Diakonie gehörenden Horchheimer Mendelssohnstiftes hier viel geleistet und sich auch der jungen Mädchen angenommen haben. Diese Aufgabe hat seit dem Frühjahr 1906 die neu eingeführte Gemeindeschwester hauptamtlich übernommen, die fortan eine Kaiserswerther Diakonisse war, von der Gemeinde bezahlt wurde und im Mendelssohnstift ihre Wohnung hatte. Dennoch wuchs der Aufgabenumfang des Frauenvereins ständig an, auch in Sonderbereiche hinein.

Die Ferienkolonie zum Beispiel war ein Sonderbereich der Frauen- und Sozialarbeit. Sie schickte erholungsbedürftige Kinder ins Heilbad, später, vor allem während des Krieges, aufs Land, und versorgte die daheimgebliebenen bedürftigen Kinder mit Milch, während des Krieges auch mit Kartoffeln. Voller Stolz berichtete Pfarrer Lohmann vielfach vom Missionsverein, dessen Sammel- und Spendentätigkeit zunächst der Äußeren, seit 1907 auch der Inneren Mission, vor allem dem Wolfer Waisenheim bei Traben-Trarbach, gegolten hatte.

Neben der rein materiellen Fürsorge bot die Gemeindebücherei ein breites Betätigungsfeld zur geistig-seelischen Erziehung für Jugendliche wie für Erwachsene. Nach den sonntäglichen Gottesdiensten geöffnet, wurde sie von Helferinnen betreut, aber auch von jungen Männern, die im Jung-Männer-Verein organisiert waren. Ihn hatte Lohmann seit 1896, wie er sagt, "im Stillen gesammelt" - sein Anstellungsvertrag von 1897 hatte ihm eigene rechtsrheinische Vereinstätigkeit untersagt - und bis zum Krieg mit großer Hingabe begleitet. Er diente Lehrlingen und jungen Männern ohne feste Heimstatt in der Gemeinde als Anlaufstelle, um in geselligem Beisammensein oder auf Wanderfahrten ständische Unterschiede durch christliche Lebensformen auszugleichen und durch gemeinsame Programmgestaltungen und Aktivitäten - etwa als Laienspielgruppe - zum Gemeindeleben mit Erfolg beizutragen und in der Gemeinde heimisch zu werden.

Wichtig sind Lohmann auch die Kindergottesdienste gewesen, die er seit 1901 auf Helferinnen zu vier bis fünf Gruppen aufgeteilt und gestaltet hat. Wiewohl er gerade hier häufig über mangelnden Besuch klagte und zu den Weihnachtsfesten einer wesentlich höheren Kinderzahl ansichtig wurde, hat sich der Besuch bis zum Kriegsausbruch von durchschnittlich 60 auf 100 Kinder erhöht.

Diese Zahlen weisen nicht zuletzt auf eine gewachsene Gemeinde hin. Lohmanns Zahlen zu 1909 - er teilt Zahlen keineswegs zu jedem Jahr mit - lassen sich annähernd mit einer Übersicht über die evangelischen Mitglieder der Pfaffendorfer Gemeinde aus dieser Zeit vergleichen. Der von Lohmann angegebenen "Seelenzahl" von inzwischen 1286 Personen stehen in der Übersicht 433 steuerpflichtige evangelische Einwohner gegenüber. Das entspräche einer Anzahl von rechnerisch 2,97 Personen pro steuerpflichtigem evangelischen Privathaushalt. Zu der Kinderzahl macht die Übersicht jedoch keine Angaben mehr. Angesichts des hohen Anteils der Mischehen aber, in denen 36,3 % der Verheirateten lebten, erscheint diese Zahl durchaus realistisch. Die für Pfaffendorf um 1899 schon erkennbare positive Entwicklung zur Ansiedlung evangelischer Gemeindemitglieder schlägt in dieser Übersicht voll durch. Allein 41,5 % aller Evangelischen lebten um 1909 hier. 10 Jahre zuvor hatte Ehrenbreitstein noch den höchsten Anteil unter den drei Talorten ausgewiesen. Jetzt lag es mittlerweile gleichrangig neben Horchheim bei 24,9 %. Die restlichen 8,62 % verteilten sich auf die übrigen Orte Arenberg (1,4 %), Arzheim (0,46 %), Immendorf (0,23 %), Neudorf (0,46 %), Niederberg (3 %) und Urbar (3 %).

Bei der beruflichen Gliederung liegen Ehrenbreitstein und Horchheim mit ihren hohen Anteilen an Handwerkern von 23,1 und 28,7 % einander recht nahe. Auch bei der geringen Ausprägung der selbständigen Berufe von 10,2 und 8,3 % und bei Bahn- und Postangestellten im Umfang von immerhin 15,7 und 19,4 % zeigen sie durchaus noch Ähnlichkeit. Sie verliert sich beim öffentlichen Dienst, dessen überwiegend einfache und mittlere Dienstgrade in Ehrenbreitstein mit 17,6 % der hier lebenden evangelischen Gemeindemitglieder vertreten sind, während es in Horchheim gerade mal 5,6 % waren. Die zunehmende Entfernung vom Dienstort Koblenz hat bei der Wohnortwahl dieser Berufsgruppe zweifellos eine Rolle gespielt. Dies gilt in gleicher Weise für die bei Handel, Banken, Versicherungen und Gewerkschaften Beschäftigten. Sie nehmen in Ehrenbreitstein 13 % in Anspruch, in Horchheim aber nur noch 5,6 %.

Gegensätzlich dazu verhält sich das Militär. Während in Horchheim bevorzugt die höheren Ränge mit 5,6 % Anteil an der hiesigen evangelischen Wohnbevölkerung haben, ist es in Ehrenbreitstein nur noch die Hälfte. Ein völlig anderes Bild vermittelt Pfaffendorf Hier hat der öffentliche Dienst aller, besonders aber der höheren Grade einen Anteil von 25 % an den Evangelischen, gefolgt von Bahn- und Postbediensteten einschließlich der Straßenbahn mit 17,8 %. Das Militär mit 8,9 % rangiert hinter Selbständigen mit 10,6 % und den bei Handel, Banken, Versicherungen und Gewerkschaften Beschäftigten mit 10 %. Das Handwerk mit einem Anteil von 7,8 % hat unter den evangelischen Einwohnern Pfaffendorfs so gut wie keine Rolle gespielt. Zweifellos verdankt Pfaffendorf sein rasches Wachstum auch der Tatsache, daß es für die in Koblenz Beschäftigten nicht nur verkehrsgünstig gelegen war, sondern auch Raum zur baulichen Entfaltung bot, wovon die heute noch reich erhaltene gründerzeitliche Architektur der Emser Straße und der Ravensteynstraße Zeugnis ablegt. Diese damals junge und großzügig angelegte Bausubstanz wurde offensichtlich von den höheren Rängen des öffentlichen Dienstes und der übrigen Arbeitnehmerschaft bevorzugt.

Bei den Mischehen lag Pfaffendorf mit einem Anteil von 27,8 % erheblich unter dem Durchschnitt der gesamten Pfarrei, die sich 1909 bei 36,3 % bewegte. Horchheim lag dabei, leicht erhöht, mit 38,9 % der Norm am nächsten, Ehrenbreitstein aber überschritt sie mit 45,4 % erheblich. Auf die Berufsgruppen bezogen sind der höhere öffentliche Dienst und die höheren Militärs in Pfaffendorf relativ selten gemischte Ehen eingegangen, während die Angehörigen der mittleren und unteren Ränge in Ehrenbreitstein ausgiebig davon Gebrauch gemacht haben, vor allem aber die Angehörigen des Handwerks, auch in Horchheim. Die Angehörigen der übrigen Berufsgruppen, insbesondere bei Bahn und Post, haben in allen drei Orten ähnliche Verhaltensformen gezeigt. Der bereits 1850 beobachtete Zuzug evangelischer Männer, die hier in katholisch ansässige Familien eingeheiratet haben, ist bestimmendes Kriterium dieser Kirchengemeinde geblieben, von dem sich nur die höhere Beamtenschaft und die höheren Militärs abgesondert haben, zumindest in der Zeit um 1909. Pfarrer Lohmann versuchte dieser Situation mit seinen Mitteln zu begegnen, indem er an den drei Orten abwechselnd Familienabende mit Vorträgen, aber auch mit fröhlicher Unterhaltung organisierte.

In welchen der hier genannten Berufsgruppen die Not geherrscht hat, zu deren Linderung der Frauenverein und die Ferienkolonie angetreten waren, läßt sich aus der Übersicht nicht herauslesen. Gewiß hat bei Tagelöhnern Not geherrscht, die es auch noch gab, sicher auch bei der einen oder anderen Witwe. Not herrschte gewiß auch bei zahllosen Kranken, Alten, Schwachen und allgemein Unbemittelten, die hinter den Fassaden bürgerlicher Berufsbeschilderung versteckt und unerkannt geblieben sind, zumindest für die Nachwelt. Seit Bestehen der eigenständigen evangelischen Kirchengemeinde Pfaffendorf aber hat es eine ehrenamtliche und eine professionelle Sozialarbeit gegeben, die die Fassaden durchbrochen hat und dahinter auch dringend gebraucht wurde. Wieweit sie erfolgreich war, wieweit die Hilfsangebote gelegentlich übertrieben, vielleicht auch versagt wurden, bleibt unerkannt. Allein der Einsatz war wichtig, und wenn Pfarrer Lohmann aus dem Kriegsjahr 1916 berichtet, daß trotz zunehmender Not aller die Hilfsbereitschaft gewachsen und die äußerlich so lose gefügte Gemeinde innerlich gefestigt sei, dann hatte dieser Einsatz sein Ziel erreicht.

Quelle: 1899 -1999. Festschrift der Evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Pfaffendorf aus Anlass des 100. Jahrestages ihrer Gründung zum 1. Oktober 1899